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von coffie » 25.01.2011, 15:37
Liebe Denise,
ich kann Deine Unsicherheit gut verstehen. Sicherlich findest Du hier im Forum einige Antworten die Dir helfen, sicherlich wird Dich aber auch einiges noch mehr verunsichern.
Auch wenn immer wieder von Deinem Thema, abgewichen wurde, es gab wertvolle Tipps und Denkanstösse.
Ich traf auch mit Anfang 20 meine erste große Liebe, Rafik, in Tunesien. Das ist jetzt mittlerweile 25 Jahre! her.
Es ist einfach passiert. Ich hatte es nicht drauf angelegt und auch den Nachstellungen und dem Charme des männlichen Hotelpersonals hatte ich erfolgreich Stand gehalten.
Damals gab es noch kein Internet und kein Handy. Auch das "normale" Telefonieren war nicht so einfach möglich (schlechte Verbindung, sehr teuer).
Ich war auch nicht in der Lage mehrfach im Jahr nach TN zu reisen.
Uns blieb also nur der Briefweg. Zum einen war es dieser Abstand der es mir leichter machte, aus der rosaroten Wolke aufzutauchen, zum anderen war es Rafik selbst, der mich auf den Boden der Tatsachen zurück holte.
Meine "Beziehung" hielt 3 Jahre. Mein "Freund", war nicht im Tourismus tätig, die Familie war nicht reich, hatte aber ihr Einkommen. Vater hatte Arbeit, Rafik arbeitet damals bei einer Firma in Tunis, jüngerer Bruder studierte in Deutschland, jüngster Bruder und Schwester gingen noch zu Schule.
Auch ich wurde mal zum Essen bei der Familie eingeladen. Alle waren gastfreundlich und nett, aber keinesfalls überschwenglich.
Übernachtet habe ich dort nie. Es hat diesbezüglich auch nie eine Einladung gegeben und ich hätte aus Respekt vor der Familie nicht eingewilligt (vielleicht weil ich mich vor ihr auch geschämt hätte). Wir haben andere Möglichkeiten gefunden, ab und zu mal eine Nacht miteinander zu verbringen.
Welches Gefühl ist so schön wie die Schmetterlinge im Bauch, wenn man verliebt ist? Man könnte Bäume ausreißen, die ganze Welt umarmen und hält jedem Sturm stand. Es gibt keine Hindernisse die nicht überwunden werden können, die Endorphine lassen einen ohne Wasser durch die Sahara laufen... denkste.
Auch ich dachte so.
Rafik und ich haben viel geredet. Über ihn, über mich, unsere Familien, über D, über TN, das Leben in beiden Ländern u.v.m.
Er hat mich mit der tunesischen Kultur (geht nur im Ansatz), ich Ihn mit der deutschen Kultur (auch nur im Ansatz) versucht vertraut zu machen.
Vieles konnte ich nicht verstehen, vieles konnte er nicht verstehen, eben weil wir beide eine grundsätzlich andere Sozialisation hatten.
Diese Unterschiede lassen sich niemals wegdiskutieren! Damals nicht und heute auch nicht!! Es entstehen Probleme, geboren aus Mißverständnissen und unterschiedlichen Sichtweisen. Niemand kann raus aus seiner Haut, weder in D, noch in TN.
Nach 3 Jahren "Beziehung" hatten wir ein sehr langes Gespräch. Rafik sagte zu mir (Kurzfassung): "Weißt Du, ich liebe Dich. Aber unsere Leben sind zu anders. Du kannst nicht in TN leben, ich nicht in D. Wir würden beide unglücklich. Was willst Du hier in TN machen? Es gibt keine gute Arbeit für Dich. Was soll ich in D machen? Es gibt dort keine gute Arbeit für mich. Du hast in D deine Arbeit, ich habe hier meine Arbeit. In D wäre ich Ausländer und müßte eine schlechte Arbeit nehmen.... Wir werden uns nicht wiedersehen, daß würde uns kaputt machen."
Er hat das konsequent umgesetzt. Hat nie mehr auf meine Briefe geantwortet.
Ich hingegen wollte das damals alles nicht verstehen. Ich war am Ende!!! Körperlich und seelisch, habe geheult was das Zeug hielt.
Ich war überzeugt, daß wir alles schaffen können.
Es hat ca.9 Monate gedauert bis ich mich einigermaßen gefangen hatte.
Manchmal ist man auch nur verliebt in die Liebe.
Aus heutiger Sicht kann ich ihm nur zustimmen. Er hatte vollkommen Recht.
Es wäre nicht gut gegangen! Sein Berufsabschluss wäre hier nicht gültig gewesen,
er hätte vielleicht irgendwo einen Hilfsarbeiterjob annehmen können oder ich in TN als Hausfrau?! Nein Danke.
Keiner wäre auf längere Sicht zufrieden gewesen.
Liebe Denise,
warum ich Dir diese Uralt-Geschichte geschrieben habe? Einfach weil ich Dich zum Nachdenken anzuregen möchte.
Auch wenn meine Erfahrung schon so viele Jahre zurück liegt, geändert hat sich an der Grundproblematik einer binationalen Beziehung nichts.
Die Unterschiede sind oft einfach zu groß, als das sie überbrückt werden könnten.
Ob Dein "Freund" Beznesser ist oder nicht wirst Du vielleicht nie herausfinden. Das Internet bietet Dir aber super Recherchemöglichkeiten.
Wenn Du des Rätsels Lösung auch so nicht näher kommst, setzt Dich in einer ruhigen Minute einfach mal hin und überlege Dir,
wie Du Dir Deine Zukunft, Deine Beziehung/Ehe vorstellst und was Du von Deinem Partner erwartest, was Du vom Leben im allgemeinen erwartest.
Dein Freund hat keine Berufsausbildung, keine Sprachkenntnisse, das sind, nüchtern betrachtet, leider keine guten Voraussetzungen.
Auch mit viel Liebe, Verständnis, Toleranz und Kompromissbereitschaft lassen sich die Schwierigkeiten und Rückschläge z.Bsp. bei der Jobsuche
nicht ewig wegstecken.
Ich wünsche Dir alles Gute, viel Kraft und Weitsicht.