Karlotta, nein...zwischen ein bisschen Wortakrobatik und 100+ Seiten liegen Welten. Da muss ja irgendwie stringenter Inhalt rein.
Das Bild mit Günther, Moni und der ganzen Baggage funktioniert ja gerade deshalb, weil eine bestimmte Genereation genau solche "Prototypen" noch kennt. Da reichen dann Stichpunkte wie "verblicherener Langnese-Eisschirm auf Waschbetonplatte", und jeder hat dieses Bild vor Augen, weil es eben "dieses Bild" hundertfach gegeben hat. Und den Gelsenkirchener Barock hat auch jeder im Verwandtschafts-/Bekanntschaftskreis erlebt, das "war eben damals so". Das ist quasi "kulturelles Erbe", eine Welt, die viele Menschen ähnlich erlebt haben. Klar gibt es ost/westdeutsche Unterschiede, aber in sich waren die Gesellschaften relativ homogen, bzw. haben in sich selbst gleiche Erfahrungen geteilt. Das ist auch einer der Ursprünge der immer noch anhaltenden (und wieder zunehmenden) Ost-West-Identitätsdiskussion. Die haben wir seit 35 Jahren nicht überwunden, und mit der zunehmenden kulturellen Fragmentierung der Gesellschaft und der Verneinung einer verbindenen Leitkultur wird es eher weiter auseinanderdriften. Vielleicht liegen die Bruchlinien aber bald nicht mehr bei Ost/West, sondern verschieben sich weiter in Richtung links/rechts oder entlang religiöser oder ethnischer Grenzen.
Meiner Meinung nach hat genau diese Diskussion auch viel mit dem zutun, worum es hier im Forum geht. Nach 35 Jahren sind -trotz gemeinsamer Sprache, gemeinsamer kultureller Geschichte (bis auf 40 Jahre) und ähnlichem Bildungsniveau- immer noch "Unterschiede" zwischen Ost und West spürbar, Animositäten und Neiddebatten auf beiden Seiten, zumindest in den unteren Bevölkerungsschichten. Die gegenseitige Geschichte wird wenig anerkannt. Die einen maulen "undankbar" über "arrogante Wessis" und vergessen die Probleme des Sozialismus, die anderen schimpfen, dass die ostdeutschen Frauen mehr Rente bekommen als die Frauen "im Westen", vergessen aber dabei, dass erstere oft voll berufstätig waren. Der Osten "hätte ja nie in die bundesdeutsche Rentenkasse eingezahlt", und der Osten sei "unproduktiv gewesen". Ersteres ist sicher formal richtig, aber natürlich gab es auch im Osten eine Rentenversicherung, in die die arbeitenden (und keinesfalls unproduktiven) Menschen eingezahlt haben, und denen die Rentenansprüche abzusprechen, ist auch nicht richtig.
Warum war der Osten pleite...? Ein grosser Teil der Wahrheit ist natürlich das sozialistische System, welches keine/wenig Leistungsanreize setzte (dafür durchaus Druck machen konnte!), und vor allem steter Materialmangel. Ein anderer Teil ist aber auch, dass vor allem der Osten die Kriegsreparationen geleistet hat, und das bis in die 80ger Jahre hinein bis zur eigenen Pleite. Und auch der Westen hat profitiert: Teile des westdeutschen Wohlstandes wären ohne den Osten nicht möglich gewesen. Die freundlichen Versandhäuser und Billigketten wie Woolworth haben sich ihre Produkte (z.B. Bettwäsche) teilweise in ostdeutschen Frauengefängnissen nähen lassen, und Vieles -von der "Quelle"-Meisterankerarmbanduhr (=aus Glashütte) über die Nähmaschine (aus Wittenberge) bis zum Kühlschrank (aus den Foron-Werken), Musikinstrumente (aus Markneukirchen), Kameras (aus Dresden) etc. wurde im Osten billigst eingekauft, und dann preiswert über die Kataloge in die westdeutschen Haushalte verkauft. Überspitzt gesagt: deutsch-deutsche Kolonialgeschichte.

Der westdeutsche Verbraucher ist daran genauso wenig schuld wie der ostdeutsche "kleine Mann", aber genau auf dieser Ebene geben wir uns leider schnell gegenseitig die Schuld für irgendwas. (Der Vollständigkeit halber sei's gesagt, dass ähnliche Konflikte natürlich auch zwischen Norddeutschen/Süddeutschen oder zwischen Einwohnern bestimmter Städte existieren können!)
So, was hat das alles in meinen Augen mit dem Forum zutun: Trotz jahrhundertealter gemeinsamer Kultur haben 40 Jahre ausgereicht, uns in bestimmten Lebensbereichen zu "trennen", zu unterschiedlichen kulturellen Identitäten zu führen und Gräben auszuheben, die sich trotz gemeinsamer Sprache nicht einfach so überwinden lassen oder einfach verschwinden. Die Idee, dass Menschen, die aus völlig anderen Kulturen kommen, ein jahrhundertealtes anderes kulturelles Erbe haben, ein völlig anderes soziales Zusammenleben gewohnt sind, eine andere Sprache sprechen und deren Bildungsniveau auch deutlich anders ist, sich in ein paar Monaten oder wenigen Jahren hier integrieren können (oder auch wollen) oder zu einem "deutschen Partner" werden, ist naiv. Und vor allem auch unterschwellig arrogant- denn "unsere" westliche Weltsicht ist eben nicht die alleinseligmachende, "richtige" und "natürlich erstrebenswerte". Wir sind nicht "der Weisheit letzter Schluss" und kulturell/intellektuell "besser as der Rest der Welt". Natürlich können binationale Beziehungen funktionieren- wenn beiden Partnern die Herausforderungen klar sind und beide Partner den kulturellen Hintergrund/Sitten/Gebräuche/Sozialisation des Partners kennen und seine Reaktionen diesbezüglich einordnen und akzeptieren können. Und beide stetig an sich arbeiten, und ihre Emotionen/Meinungen/Hintergründe reflektieren können.
Beznesser erwecken aber den Eindruck, dass sie "genauso wie Europäer sozialisiert sind", dass sie "genauso ticken wie das Opfer", und eine Beziehung nach westlichen Standards (oder z.B. bei einem grossen Altersunterschied sogar noch "moderner"/auf spiritueller Ebene) führen können. Gleichzeitig spielen sie aber oft ganz geschickt die "exotische-Kultur-Karte", wenn es darum geht, das Opfer von einer schnellen Hochzeit, Geschenken und Geld/Unterhalt zu überzeugen. Das Opfer, dass die dortige kulturellen Hintergründe (wenig) kennt, glaubt an die Ehrlichkeit der Beznessers, und glaubt ihm auch, dass "das" (schnelle Hochzeit, Geldgeschenke, Altersdifferenz) in seiner Kultur "üblich" (oder unproblematisch) sei. Der "Geliebte" "will einem doch nix Böses", und "durch den Kontakt zu Einheimischen taucht man in die Kultur ein". Der Widerspruch, dass das Opfer einerseits "europäisch offen" umworben wird, aber dann "nach seiner (angeblichen) Kultur" schnell heiraten muss/zahlen muss/.... fällt den toleranten Opfern oft gar nicht auf, und oft bereitwillig (und im Glauben an die Liebe) lassen sie das Überschreiten ihrer persönlichen Grenzen von seiten der Beznessser zu.
Und dann betritt Günther die Bühne, und versucht die Situation zu spiegeln. Womit wir wieder beim Anfang meines Beitrages wären. Ist ja jetzt schon fast ein Buch geworden.

„Nicht zu bekommen, was man will, ist manchmal ein grosser Glücksfall.“ Dalai Lama